Donnerstag, 26. Oktober 2017

Hört auf damit!

Dieser Text geht an alle Menschen da draussen, die denken, Aussehen gehe über alles. Es steht ausser Frage dass Gesundheit wichtig ist. Dass Sport helfen kann, sich wohler zu fühlen. Aber seien wir mal ehrlich: auf dem Niveau, auf dem sich die Gesellschaft in der Schweiz - und ich wage zu sagen in vielen europäischen Ländern - momentan bewegt, ist das nicht mehr der Grund, warum die Meisten Sport betreiben. Wenn ich die Welt betrachte, aus der Sicht von jemandem, der der Sportsucht und dem Körperwahn ebenfalls verfallen war, dann macht es mich traurig, in welchem Umfeld ich mich bewegen muss. 

Zugegeben, das Streben nach einem schönen Körper konnte auch ich noch nicht ganz ablegen, aber ich stelle mein Aussehen nicht mehr über alles. Und ich kenne Menschen, die über Jahre hinweg als etwas schlechteres angesehen wurden, weil sie eben "normale" Körper besassen und vielleicht etwas gemütlicher waren. Hätte man damals gewusst, zu welchem Preis man diese Personen piesackt, hätte man es wohl gelassen. Denn wie auch ich, begannen sie irgendwann, dem Körperwahn zu verfallen. Sie wollten auch dazugehören, wollten keine Sprüche mehr hören. Und jetzt?

Vier bis fünf Stunden Sport pro Tag. Das Essen wird auf das Gramm genau abgewogen und in einem App dokumentiert. Zucker gibt es nicht mehr und wenn, dann in Frucht-Form. Sitzen und Liegen ist nicht mehr. Den ganzen Tag muss man stehen und besser sogar gehen. Im Kopf dreht sich alles nur noch um Bewegung, Ernährung und um den eigenen Körper. Jeden Tag wird der Wahn schlimmer. Die Folge: Sozialisation ist kaum noch möglich, normale Gespräche führen ebenfalls nicht. Sex, Romantik und Gemütlichkeit wird nicht mehr zugelassen. Ersteres, weil das Übertraining die Hormone drosselt, zweiteres, weil Gemütlichkeit etwas mit liegen respektive Sitzen zu tun hat - in der Welt dieser Menschen ein absolutes Tabu. Und das Schlimmste: solche Menschen sind zu 100% arbeitsunfähig. Denn wie soll man sich auf einen Text, eine Gleichung oder sonst etwas konzentrieren, wenn im Kopf ständig Kalorien und die Zahl des Schrittzählers umherschwirrt? Es ist eine Art falsche Verknüpfung im Gehirn un kann sich - um das Thema für Laien etwas verständlicher zu machen - ähnlich wie eine Nikotin oder Alkoholsucht vorgestellt werden. Beugt man sich dem inneren Drang nicht, kommen die Entzugserscheinungen. Bei Vielen geht das sogar bis hin zu Angstzuständen. Und "einfach damit aufhören" geht nicht. Der Weg raus aus der Sucht ist schwer und die Mehrheit scheitert!

Natürlich sind dies Extremfälle - aber leider werden sie immer mehr zur Realität und Normalität. Denn Anorexie, Bulimie und Burn Outs hängen ebenfalls in dieser Schleife fest. Und wir alle sind Schuld daran. Die Nahrungsmittelindustrie, die jegliche Produkte verschmäht, die irgendwie "ungesund" sind. Die Beautyindustrie, die mit ihren Abnehmpillen die TV-Werbungen zudröhnt und die Modeindustrie, die nur mit muskelbepackten Männern und spindeldürren oder sicherlich dünnen Models wirbt. Hinzu kommen die Sozialen Medien, in denen man ein Bild von sich erschaffen kann, auf welchem man perfekt erscheint. 

Doch was ist "perfekt"? Gibt es das? Und ist ein Mensch nicht perfekt, wenn er eifach sich selber sein kann und darf. Sich anzieht wie er will, isst wie er will und sich bewegt, wie er will? Kommt das Können eines Jeden nicht dann erst so richtig zur Geltung?

Schlussendlich schneiden wir uns selbst ins Fleisch. Indem wir uns selber zu Maschinen zwingen, die 9 Stunden pro Tag arbeiten, danach ins Fitnessstudio rennen und uns zu Hause einen Haufen Gemüse mit Hüttenkäse und Vollkornbrot reinschieben. Indem wir uns verbieten, zu geniessen und auch einfach mal zurückzulehnen. Zweisamkeit leidet so oder so unter der modernen Technik. Aber wir zerstören sie mit unserem Fitness-, Körper- und Ernährungswahn noch mehr.

Dies ist ein Appell an Alle und an Jeden. Hört auf, die Menschen aufgrund ihres Aussehens und aufgrund ihrer Figur zu beurteilen. Denn der Körperfettanteil sagt weder etwas über die Herzlichkeit eines Menschen, noch über dessen Intelligenzquotienten aus. Und denkt das nächste Mal daran wenn ihr jemanden seht, der beispielsweise sehr dünn, ja zu dünn ist. Es ist nicht einfach "er/sie isst halt nichts mehr". Nein. Dahinter steckt so viel mehr. Meist ein langer Leidensweg aus Mobbing, wenig Aufmerksamkeit, unerfüllter Liebe und zu grossem äusserem Druck. Wir alle haben ein Herz, also sollten wir es auch zeigen!!

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