Tikal war atemberaubend. Dennoch war ich froh, dass ich nach den ansonsten eher als "Naja" zu bezeichnenden Erfahrungen in El Remate & Co. meine Reise nach Guatemala-Stadt und Antigua antreten konnte. Wirklich besser wurde es aber nicht...
Die Dame, welche mich in Guatemala-Stadt vom Flughafen abholte, nutzte die zwanzig Minuten Fahrzeit zum Hotel, um mir zu erzählen, wie gefährlich Guatemala ist. Eigentlich wollte ich am nächsten Tag zuerst etwas Guatemala-Stadt erkunden und dann mit dem öffentlichen Bus nach Antigua - der alten Hauptstadt - weiterreisen, da die Stadt mit ca. 2 Stunden Fahrt ziemlich nahe lag. Nach den Geschichten der Señora war ich mir da nicht mehr so sicher... Im Hotel angekommen sagte mir die Dame an der Reception jedoch, dass es kein Problem sei, A aus dem Haus zu gehen und B mit dem ÖV nach Antigua zu reisen. Offenbar hätten sie des Öfteren Probleme, dass die Shuttle-Dame den Touristen Angst mache. Und so traute ich mich am nächsten Morgen halbmutig aus dem Haus und spazierte der Fussgängerzone entlang zum Hauptplatz. Die Fussgängerzone war gut besucht und es schien, als wäre die ganze Stadt unterwegs. Auch auf dem Plaza Central war einiges los und es gab Essensstände und Musik. Gemütlich, eigentlich. Denn auch wenn es tatsächlich nicht gefährlich wirkte, so hatte ich ein ungutes Bauchgefühl. Ich fühlte mich äusserst unwohl und auch hier hatte ich dasselbe Gefühl wie bereits in Santa Elena. Ich wurde nicht nur neugierig aber neutral angeschaut, sondern regelrecht angestarrt. Auch hier wurde mir von vielen Männern ein sexistisches "Hello" oder Ähnliches nachgeworfen und die Blicke waren äusserst objektivierend und unangenehm. Meinem unguten Bauchgefühl folgend verliess ich die Stadt dann ein paar Stunden früher als geplant und machte mich mit einem Uber anstatt dem öffentlichen Bus auf den Weg nach Antigua. Am Abend erfuhr ich dann, dass es am Morgen in Guatemala-Stadt zu verschiedenen Überfällen und Morden an Polizisten kam, wobei Bandenmitglieder in den Gefängnissen Guatemalas ihre Kollegen von ausserhalb damit beauftragt hatten. Der Präsident hatte daraufhin den Ausnahmezustand für 30 Tage ausgerufen und am Montag (Tag darauf) blieben die Schulen geschlossen. Mein Bauchgefühl kam also von irgendwo her...
Was für Schweizer sehr drastisch klingt, scheint für Guatemalteken eher normal zu sein. Wie mir die Frau im Taxi von Antigua zurück zum Flughafen in Guatemala-Stadt ein paar Tage später erklärte, kehren die Menschen in Guatemala am zweiten Tag nach solchen Events meist zurück zur Normalität. Und auch der Ausnahmezustand würde nichts ändern sondern gäbe der Regierung lediglich die Legitimität, Geld auszugeben, ohne eine Bewilligung zu brauchen... Die Dame erklärte mir auch, dass die Situation in Guatemala sich seit Jahren verschlechtere, was offenbar auch mit dem Präsidenten von El Salvador (Bukele) zu tun habe. Durch seinen radikalen Kurs sind offenbar viele in den Norden nach Guatemala geflohen und würden sich jetzt hier illegal aufhalten. Viele werden kriminell und schliessen sich Drogenbanden an. Dies zumindest die Ansicht der Dame, die sicherlich auch mit Vorsicht zu geniessen ist. Generell wurde mir aber von verschiedenen Personen gesagt, dass die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen habe. Dies scheint also zu stimmen. So viel zum politisch-gesellschaftlichen System Guatemalas.
In Antigua angekommen war ich erstmal froh, dass die Stadt etwas touristischer war, was die Aufmerksamkeit auf mich etwas minderte. Die Damen im Hotel waren äusserst nett und schickten mich nach meiner Ankunft zu einem kleinen Platz am Rande des Zentrums, wo ich mich bei einem Stand mit typisch guatemaltekischem Essen versorgte: "Taco doblado", "Chuchito" und ein Dessert in Form eines frittierten Bananenteigs gefüllt mit einer süssen Sauce ("Rellenito", dt. 'Gefülltes'). Alle drei Dinge waren sehr lecker und meine Stimmung hebte sich wieder etwas! Danach gönnte ich mir noch eine "Atol". Das ist ein Getränk auf Maisbasis, welches übrigens auch in Mexiko Tradition hat. Fun Fact: Während man in Mexiko von "Atole" und "Guacamole" spricht, sagt man in Guatemala "Atol" und "Guacamol". Der Grund hier dürfte der Einfluss von einigen indigenen Sprachen Guatemalas sein, in denen Substantive auf <L> aufhören (allerdings nicht Maya).
| Chuchito (links) und Taco Doblado (rechts) |
Mein Tag in Antigua verbrachte ich damit, etwas umherzulaufen, zu käffelen und zu essen. Die Touristenmassen, welche am Sonntagabend erheblich waren, dünnten sich am Montag ziemlich aus. Offenbar bleiben viele Touristen am Wochenende in Antigua und reisen unter der Woche weiter oder machen Ausflüge zum Atitlán-See oder zu den umliegenden Vulkanen. Ich entschied mich gegen den Atitlán-See, weil ich überall gelesen hatte, dass dieser extrem touristisch sei. Einen Vulkan wollte ich nicht besteigen, weil mir das irgendwie Angst macht. Ich fand es jedoch gemütlich, dass es am Montag weniger Touristen in Antigua gab und genoss ein gutes Essen ('Pepián' genannt, schmeckt ein bisschen wie Gulasch-Suppe) in einem gemütlichen Restaurant. Lustig in Antigua ist, dass die aus den USA bekannten Schoolbusses dort zwar ausgemustert wurden, hier aber ein zweites Leben gefunden haben. Teilweise neu angemalt, teilweise nicht. Die Filter fehlen den Bussen aber wahrscheinlich, denn die Luft in den Strassen Antiguas war katastrophal schlecht - vor allem an den Strassen, an denen die Busse vorbeifuhren.
Am nächsten Morgen holte mich die bereits erwähnte Frau in meinem Hotel ab und brachte mich zurück zum Flughafen in Guatemala-Stadt. Wir hatten ein schönes Gespräch und auf die Frage, ob ich wieder einmal nach Guatemala zurückkehren würde, antwortete ich zögerlich. Denn die Reise nach Guatemala hat mich eher enttäuscht. Tikal war wundervoll und ich fand es toll, dass die indigenen Wurzeln noch sehr deutlich zu sehen sind. Viele indigene Frauen laufen im Alltag mit ihren traditionellen Kleidern umher und gerade in Antigua hörte ich den ein oder anderen Wortfetzen auf Maya. Antigua war süss aber nichts, dass man nicht auch sonst wo in Lateinamerika findet. Was mir auf meinen Reisen in Lateinamerika aber immer besonders gefällt, ist, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Ich spreche gerne mit den Menschen vor Ort, frage viel und möchte von den Einheimischen wissen, wo sie essen und was sie so tun. Dieser Austausch ist für mich unglaublich wertvoll und gibt mir diese Essenz des Reisens, die ich so geniesse. Reisen ist für mich mehr als irgendwo hinfahren, wo es schön aussieht, ein Foto für Instagram zu machen, und wieder wegzufahren. Ich möchte das Leben vor Ort spüren, weswegen ich mich gerne in ein Kaffee setze, um zu beobachten. Mir ist es nicht wichtig, unbedingt alle Sehenswürdigkeiten und Top-Spots zu sehen, weil ich das "echte Leben" spüren möchte. In Mexiko ist das unglaublich einfach und auch in Argentinien, Kolumbien oder Peru hatte ich das Gefühl, mehrheitlich mit Menschen in Kontakt treten zu können. Gerade in Mexiko ist dieses in Verbindung treten aber extrem und die Neugier ist meines Erachtens gegenseitig. Die Mexikaner schätzen es, wenn man sich für ihr Land und ihre Kultur interessiert und geben gerne Auskunft. Sie wollen aber auch wissen, wer vor ihnen steht. Sie sind herzlich, hilfsbereit und interessiert. Hier wichtig: Die Guatemalteken sehen es gar nicht gerne, wenn man Guatemala mit Mexiko vergleicht. Für die Guatemalteken sind die Mexikaner selbstbezogen und nehmen sich für zu wichtig. Die Beziehung ist wohl ein bisschen wie diejenige der Schweiz mit Deutschland.
Es war ein Trugschluss meinerseits, anzunehmen, dass Guatemala ähnlich sein wird, was vermutlich auch dazu führte, dass das Land mich etwas enttäuscht hatte. Ich habe versucht, mit Menschen in Kontakt zu treten und Sachen zu fragen. Zum Beispiel die Frau am Essensstand in Antigua, die ich fragte, wie genau sie das Essen zubereitete. Die Menschen in Guatemala gaben mir jeweils so viel Auskunft, wie sie "mussten", mehr aber nicht. Eine Gegenfrage gab es praktisch nie. Ich teilte diese Beobachtung mit dem Uber-Chauffeur, der mich von Guatemala-Stadt nach Antigua fuhr und dieser bestätigte mir dies. Die Guatemalteken seien "reserviert". Meiner Erfahrung nach sind sie freundlich, aber nicht interessiert. Das Kapitel Guatemala werde ich zumindest bis auf Weiteres schliessen. Vielleicht gebe ich dem Land dann nochmal eine Chance, wenn ich mich ein bisschen besser vorbereiten kann.
Ich bin immer wieder fasziniert, wie Grenzen trennen. Zwar sind die Menschen nördlich und südlich der Grenze von Mexiko und Guatemala zwar "vom selben Schlag", mit gemeinsamen Wurzeln. Durch die Grenze hat sich aber das Leben und die Kultur aber in anderen Bahnen entwickelt.
AntwortenLöschenAbsolut!
LöschenIch spüre bei deinen Reisen, deinen Schilderungen, den Museumsbesuchen, den Kontakten zu Einheimischen und deinem Verlangen nach lokalen Spezialitäten dein Interesse an der Auseinandersetzung mit den Menschen in anderen Ländern und in anderen Kulturen! Sehr interessant. Deine diesbezügliche Schilderung gegen Ende des Blogbeitrages ist eindrücklich.
AntwortenLöschenDas ist in der Tat so. Den Kontakt mit Menschen schätze ich besonders.
LöschenGanz irdische Frage: wie schmeckt Atol?
AntwortenLöschenEs ist ein Getränk auf Maisbasis, von daher ist der Geschmack sehr “maisig“. Dann kommt es natürlich draufan, ob man da Atol mit zusätzlichen Geschmäckern (z.B. Schokolade) vermischt. Das hab ich bisher nicht getan.
LöschenSchade, dass Guatemala so stark kriminalisiert wird! Das Problem besteht ja in verschiedenen Ländern in Lateinamerika. Auch Mexiko ist davon betroffen. An was liegt es? An der Perspektivenlosigkeit? An der Aussicht auf viel Geld? Schwierig!
AntwortenLöschenPhu, gute Frage… Ich denke, dass hier mehrere Dinge zusammenspielen. Korruption auch innerhalb der Regierung (so ist Mexiko bspw. eigentlich ein einigermassen reiches Land, wobei die Gelder jedoch “falsch“ investiert werden), zunehmende Armut, fehlende Perspektiven, mehr Immigration, usw.
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