Wer (wie ich) meinte, dass Guatemala wie Mexiko ist aber kleiner, der hat sich getäuscht. Trotz vieler kultureller und historischer Gemeinsamkeiten fühlt sich das Land doch ziemlich anders an.
Meine ersten Berührungspunkte mit Guatemalteken liessen meine Vermutung, dass mich in Guatemala Ähnliches wie in Mexiko erwartet, noch spezifischer werden: Am internationalen Flughafen von Guatemala-Stadt betrachtete die Dame bei der Immigration nach einem kurzen Gespräch auf Spanisch verwundert meinen Schweizer Pass und fragte mich verwirrt, ob ich denn die doppelte Staatsbürgerschaft hätte. Einige Zentimeter gewachsen meinte ich "Nein, ich spreche einfach Spanisch.", und grinste. Danach musste ich mein Gepäck eigenständig für den Weiterflug nach Flores aufgeben und amüsierte mich ab dem netten Herrn bei der Gepäckabgabe, der mir das Gefühl gab, dass ich die absolut wichtigste Kundin des Tages sei. So weit so gut, dachte ich und verliess den Flughafen von Guatemala-Stadt mit einem sehr positiven Gefühl in Richtung Flores.
Flores ist Teil der guatemaltekischen Region El Petén und ist Ausgangspunkt für eine Reise nach Tikal - die wohl berühmtesten Maya-Städte nebst Chichén Itzá, welches ich 2023 besuchte. Da ich im Internet gelesen habe, dass Flores zwar süss, aber ultimativ touristisch sei, entschied ich mich dazu, mich nicht dort zu beherbergen, sondern in einem auf halben Weg nach Tikal liegenden kleinen Dörfchen namens "El Remate". Diese Idee hatte ich von einem Reiseblog, der es so schienen liess, als gäbe es in Remate zumindest ein bisschen was zu tun. Dem war nicht so.
El Remate ist sogar für schweizer Verhältnisse ein "Kaff" und lässt sich bei gemütlichem Gehschritt in 15 Minuten durchqueren. Es besteht gefühlt aus drei Restaurants (eines davon Fast-Food-Pizza), sechs Kiosken, drei Kleiderläden, einem Kaffee und vier Hotels - fertig. Da ich erst Abends um 23:00 Uhr in Remate ankam, plante ich bewusst einen Pausentag, da ich für den Besuch von Tikal um 3:00 Uhr morgens aufstehen musste. Irgendwie war es mir in diesem Dörfchen aber etwas zu ruhig, als dass ich mich super gut hätte entspannen können. Ich merkte mal wieder; ich bin ein Stadtkind. Ich versuchte, etwas mit den Menschen in Remate zu reden, merkte aber, dass diese zwar freundlich aber weder offen noch interessiert waren. Es war somit ein Tag, der mich etwas frustrierte. Ein Moment der Ruhe und des Genusses gab es in einem Restaurant, in welchem ich mir ein traditionelles Essen aus der Region gönnte: Ein weisser Fisch aus dem See 'Lago Petén Itzá". Die Aussicht war wunderschön und beim Bezahlten wechselte ich sogar noch mehr als zwei Sätze mit dem Herren, der das Geld entgegennahm. Ich glaube er war die einzige Person auf meiner Guatemala-Reise (Touristen auf der Tikal-Tour sowie Uber-Chauffeur ausgenommen), der etwas von mir wissen wollte und auch fragte, woher ich kam.
Der frühe Vogel fängt den Wurm...
... oder in meinem Fall wohl eher "Der frühe Tourist empfängt das Gebrüll des Jaguars". Um 3:00 Morgens klingelte am nächsten Tag mein Wecker und um 3:40 holte mich der kleine Reisebus ab, um mich nach Tikal zu bringen. Der Vorteil, wenn man in El Remate schläft, ist, dass man sich am Morgen etwa eine Stunde Zeit spart, wobei es meiner Meinung nach einen grossen Unterschied macht, ob man um 2:30 oder um 3:30 Uhr vor dem Hotel stehen muss. Für meinen Besuch von Tikal habe ich mich entschieden, die "Sonnenaufgangstour" zu machen. Es gibt hier auch noch die "Sonnenuntergangstour", wobei meine Recherchen mich dazu bewogen, erstere zu machen. Dabei ist es obligatorisch, den Park mit einem Guide zu besuchen, da man den Park vor (oder eben nach) der offiziellen Öffnungszeiten betritt. Auch wenn ich aus meinen Erfahrungen lieber ohne Guide einen Park erkundige, blieb mir hier keine andere Wahl, wobei bei meiner Sonnenaufgangstour auch noch einen Tour durch den Park inklusive war. Gemeinsam mit einer Reisegruppe aus ungefähr 30 Personen, machten wir uns also im Stockdunkeln auf den Weg zur höchsten Pyramide Tikals; dem Templo IV.
Ich fand es aufregend, im Dunkeln durch den Urwald zu spazieren, war aber froh, dass trotzdem noch andere Menschen mit mir auf dem Weg waren. Ansonsten wäre mir wohl etwas mulmig zu Mute gewesen. Wir erhielten dann die Anweisung, die Pyramide IV zu besteigen und ab dem Moment, bei dem wir unseren Platz eingenommen haben, kein Geräusch mehr zu machen. Die Idee hier war, dass man dem Jungle beim Aufwachen zusehen und zuhören konnte, was auch etwa 90% der Touristen hinbekamen. Während die meisten Touristen also absolut hingerissen waren von der Aussicht und dem Ort, an dem wir uns gerade befanden, schafften es 10% nicht, weder Geräusche noch Licht zu machen. Sie waren im Instagram, schickten Nachrichten, ohne das Handy auf Lautlos zu haben, oder suchten Sachen mit ihrer Taschenlampe. Es waren Touristen, die nur wegen dem Foto für die Sozialen Medien gekommen sind. Jänu... ich selbst war völlig begeistert von dem, was ich zu sehen und zu hören bekam: Wir nahmen kurz vor 5:30 Uhr unsere Plätze auf der Pyramide ein. Um Punkt 5:30 Uhr begannen überall im Urwald Jaguare zu heulen - einfach genial! Um Punkt 6:00 Uhr kam Vogelgezwitscher dazu. Und plötzlich flogen über uns ein paar Pelikane hinweg, während sich unterhalb ein Affe durch die Bäume hangelte. Es war wie ein Intro zu einem Disney-Film, nur die Musik fehlte. Einfach toll!
Nach dem Sonnenaufgang, den wir aufgrund der Wolken gar nicht wirklich sehen konnten (da man einen solchen jedoch überall auf der Welt zu sehen bekommt, war mir dieser eigentlich gar nicht so wichtig), stiegen wir die vielen Treppen von der Pyramide IV wieder hinab und teilten uns in zwei Gruppen auf. 14 Personen machten sich mit dem englischsprechenden Guide auf den Weg durch den Park und sechs inklusive mir mit dem spanischsprechenden (Zeit ca. 7:00 Uhr). Wie ich bereits gesagt habe mag ich Tours mit Guides nicht sonderlich, da ich mich immer etwas gestresst fühle und mich nicht wirklich auf die Pyramiden und die Energie, die überall herrscht, einlassen kann. Bei diesem Guide fand ich aber auffällig, dass er offenbar nicht wahnsinnig viel zu erzählen wusste. Er bezog sich mehrheitlich darauf, dass Tikal Handel mit Teotihuacán und Chichén Itzá (beide in Mexiko) betrieb. Gleichzeitig äusserte er mehrere Dinge, von denen ich wusste, dass sie falsch waren (z.B. dass Náhuatl und Maya dieselbe Sprache seien...), weswegen ich mich bald etwas von der Gruppe abkoppelte. Als die Tour dann um 10 Uhr ihren Weg zurück nach Remate und Flores antrat, meldete ich mich beim Tourguide ab, um noch länger im Park bleiben zu können. Das war eine super Idee. Abgesehen vom Hauptplatz mit dem Tempel I und II war die Anzahl an Touristen überschaubar und ich konnte mich noch einmal so richtig in die Maya-Städte hineinfühlen.
| Tempel I |
| Juego de Pelota mit Tempel I |
| Tempel I |
| Mexikanische Pyramide in Tikal |
| Wohnhäuser beim Hauptplatz |
Tikal wurde etwa 900 v.Chr. erstmals besiedelt, wobei die Stadt seine Blütezeit erst etwa im 5. Jahrhundert nach Christus erlebte, wobei auch in dieser Zeit der Handel mit Teotihuacán stattfand. Teotihuacán (etwa 1h nördlich von Mexiko-Stadt) wurde ursprünglich von einem Volk errichtet, von dem man heute nichts mehr weiss. Es waren jedoch diese Teotihuacanos, welche welche ihrerseits mit Tikal dann Handel betrieben. Auf diese Handelsbeziehung deutet auch eine Pyramide in Tikal hin, die im "mexikanischen Stil" erbaut wurde. Erst im 14. Jahrhundert wurde das verlassene Teotihuacán von den Azteken bevölkert.
"Tikal" bedeutet so viel wie 'Ort der Stimmen' und wurde von den Mayas zu damaligen Zeiten wahrscheinlich "Mutul" ('verknotetes Haar') genannt. Die Stadt wurde an einem Ort erbaut, bei dem es kein fliessend Wasser gab, weswegen die Mayas ein ausgeklügeltes Wasserauffangsystem erarbeiteten, mit welchem sie das Regenwasser aus der Regenzeit sammeln konnten. Die Pyramiden wurden über Jahrhunderte hinweg erbaut und teilweise überbauten neue Herrscher Bauten von ihren Vorgängern. Beim Hauptplatz mit dem Templo I (Jaguar-Tempel, der wohl berühmteste Tempel Tikals) befindet sich auf der einen Seite ein Friedhof und auf der anderen Wohnhäuser für höhergestellte Mayas. Ebenfalls findet sich auf dem Hauptplatz ein "Juego de Pelota" ('Ballspiel'), welches zu rituellen Zwecken gebraucht wurde (und übrigens bei fast allen Maya-Städten zu finden ist).
Am Eindrücklichsten fand ich einerseits den Templo V, der etwas versteckt aber vollständig vom Jungle umringt ist, und andererseits die sogenannte "Mundo Perdido" - die 'Verlorene Welt'. Dabei steigt man auf eine Pyramide hoch und hat von dort einen Rundumblick auf Bäume, Bäume und nochmals Bäume. Teilweise ragen Pyramidenzipfel aus den Bäumen hoch und man kann von dort oben auch super gut Vögel beobachten. Mein Highlight war die Sichtung von herumfliegenden Tukanen.
| "Ceiba" ist der Nationalbaum Guatemalas und Teil der Maya-Mythologie. Er ist die Verbindung zwischen lebender Welt und der Welt der Toten. |
Dem Untergang Tikals werden verschiedene Gründe zugeschrieben: Einerseits wird eine Dürre aufgrund von Misswirtschaft vermutet, wie das auch in Palenque getan wird. Für das Erbauen von Pyramiden wurde z.B. Wald gerodet, was der Umwelt längerfristig schadete. Gleichzeitig kam es im 9. Jahrhundert nach Christus zu Kriegen zwischen verschiedenen Maya-Städten, womit es zu einer Destabilisierung der Region kam. Durch die Kriege kam es auch zu einer Migration, bei der mehr Menschen nach Tikal kamen. Eine Überbevölkerung war die Folge. Dies führte zu inneren Kriegen und zusammen mit den weiteren Faktoren zum Verlassen von Tikals. Die Stadt wurde dem Jungle übergeben.
Um etwa 12:00 Uhr machte ich mich auf den Weg zum Ausgang und nahm dort ein "collectivo" (einen der öffentlichen Busse) zurück nach El Remate. Am nächsten Tag machte ich einen kleinen Ausflug nach Flores und Santa Elena, bevor am Abend mein Flieger nach Guatemala-Stadt gehen sollte. Von El Remate aus nahm ich ein "collectivo" nach Santa Elena, die Stadt neben Flores. Von dort aus erreichte ich die Insel in knapp 15 Minuten zu Fuss. Flores war extrem pittoresk, hat ansonsten aber nicht sehr viel zu bieten. Es ist tatsächlich sehr touristisch und leider gab es nirgends ein gemütliches Kaffee, in welchem ich mich zu einer gemütlichen Lesepause hinsetzen konnte. So machte ich mich ziemlich bald wieder auf den Weg nach Santa Elena, um mich dort noch ein bisschen umzusehen. Ich fühlte mich dort aber sehr unwohl und gerade die einheimischen Männer warfen mir sehr sexualisierte Blicke und "Hellos" zu. Ich bin es mir aus Mexiko gewohnt, dass ich mich an Orten mit wenigen Touristen befinde und dort auch sehr neugierig betrachtet werde. Ich fühlte mich in Mexiko aber nie derart objektiviert und sexualisiert... Somit kürzte ich auch den Spaziergang durch Santa Elena ab und verweilte dann noch etwas in einem Starbucks beim Flughafen, bevor ich nach Guatemala-Stadt weiterreiste.
Mit Spannung habe ich deinen Blog-Beitrag zu Tikal erwartet - ich wusste ja, dass du jetzt dort bist. Deine Schilderungen von der Sonnenaufgangstour in Tikal sind genial! Für mich als Leser ein Höhepunkt deiner Reise! Vor meinem geistigen Auge spüre ich den aufwachenden Urwald, höre die heulenden Jaguare und die zwitschernden Vögel, sehe den fliegenden Pelikan und die hangelnden Affen und geniesse die Aussicht auf die jahrhunderte alten Pyramiden. Es ist sicher speziell an einem Ort zu sein, an dem vor über tausend Jahren reges Leben herrschte und heute die absolute Stille!
AntwortenLöschenEs war eine unglaublich tolle Erfahrung!
LöschenWenn ich die Foto von der Umziehkabine im Kleidergeschäft in Remate sehe frage ich mich, ob es denn auch noch Kleider in den Regalen gibt... Interessant ist deine Videosequenz morgens um 3h30. Da läuft in Remate absolut nichts. Nur ein Hund sitzt auf der Strasse in Erwartung von irgendwas.
AntwortenLöschenEs gab tatsächlich auch noch Kleider im Laden ;-) Und ja, morgens um 3:30 läuft absolut nichts. Totenstille.
LöschenOffensichtlich gibt es im Urwald in Guatemala viele Jaguare. ist es da nicht gefährlich, morgens vor Sonnenaufgang durch den Urwald zu laufen? Jaguare sind doch nachtaktiv?
AntwortenLöschenIch bin mittlerweile nicht mehr ganz sicher, ob das Jaguare waren oder Affen… Aber Jaguare gibt es da auch. Mein Wissen über diese Tiere ist aber zu rudimentär, als dass ich da was sagen könnte. Ich denke, dass die Jaguare wohl zu scheu sind, um Menschen anzugreifen, von denen gerade keine Gefahr droht.
LöschenDanke für deine Verweise auf Besuche der Maya-Ruinen im Jahr 2023. ich habe deine damaligen Ausführungen zum Juego de Pelota und zu den Vermutungen, wieso diese Siedlungen verlassen wurden, mit Interesse nochmals gelesen :-)
AntwortenLöschenDanke für das stetige Verfolgen meiner Abenteuer. :-)
Löschen