Michoacán, der Bundestaat der Narcos, oder so Ähnlich, wurde mir von mehreren Seiten gesagt. Auch wenn ich die Reise von Anwohnern vor Ort abgeklärt und von ihnen als "problemlos" deklariert bekommen hatte, so war mir doch ein bisschen unwohl, als ich in Guadalajara in den Bus stieg.
Das mulmige Gefühl verflog jedoch schnell und bald sagte ich mir, dass es doch enorm schade gewesen wäre, wenn ich Morelia und auch Pátzcuaro auf meiner Reise ausgelassen hätte. Ein kurzer Kontext zu den Narcos, um euch Leser zu beruhigen: Ich habe von mehreren Freunden aus Mexiko-Stadt gehört, dass Michoacán die sogenannte "Tierra caliente" (dt. 'die warme Erde') sei; dass also in Michoacán die Drogenbanden und sonstigen Guerillas besonders aktiv sind. Es ist ein Bundesstaat, in dem auch viel Landwirtschaft mit Avocado betrieben wird, wobei gerade in diesem Geschäft viel Geld drinsteckt und gerade hier auch viele Drogenbanden ihre Hand im Spiel haben. Zu Beginn etwas verunsichert, sagten mir jedoch alle mexikanischen Freunde dasselbe: Solange man sich mit den offiziellen Bussen (ADO, Primera Plus, Future, Elite, etc.) von Ort zu Ort bewegt, ist das Reisen kein Problem. Was man nicht tun soll - und auf welche Idee ich sowieso nie gekommen wäre - ist, sich in die Gebiete der Narcos zu begeben. Gerade die Küstenregion Michoacáns ist enorm schön, aber auch enorm gefährlich. Ebenso die kleinen abgelegenen Dörfchen, in die sich kein Tourist und eigentlich auch kein Mexikaner zufälliger verirren kann. Zudem fährt in diese Dörfchen auch kein offizieller Bus. Dasselbe hat mir eine Bekannte eines Freundes gesagt, welche in der Region Morelia wohnt und die mir freundlicherweise mit ihrem Rat zur Seite stand. Sie sagte ganz klar, ich soll unbedingt nach Morelia und Pátzcuaro reisen, denn es sei wunderschön. Und wie sie Recht hatte...
Nach der ersten Unsicherheit merkte ich in Morelia ziemlich schnell, dass sich die Stadt problemlos und ohne Gefahr erkunden lässt. Gemütlich ging ich nach einer erholsamen Nacht durch die Strassen und genoss das in mexikanischen Verhältnissen schon fast kleinstadtähnliche Ambiente. Das Zentrum Morelias lässt sich schnell erkunden und zeichnet sich durch quadratisch angeordnete Häuser aus Stein aus, welche nicht selten rot-weiss angemalt sind. Die Stadt erinnerte mich ein bisschen an Cuzco, obwohl sie sich klimatisch völlig anders anfühlte - zumindest für mich Schweizerin. Denn für die Mexikaner war es offenbar tiefster Winter und nicht wenige waren morgens bei 15 Grad in dicke Winterjacken gehüllt. Amüsiert über die verwunderten Blicke, wenn die offensichtlich nicht von hier stammende Person in Rock und leichtem Pulli durch die Strassen tigert. :-D
In Morelia hatte ich dann auch ein tolles Gespräch mit Roberto, dem Inhaber eines keinen Souvenir-Geschäfts, welches handgemachte Sachen aus der Region verkaufte. Meinen "komischen" Akzent in Spanisch bemerkend, fragte er mich, woher ich denn komme. Dass der Akzent jedoch kein muttersprachler-Akzent war, überraschte ihn (zu meinem Erfreuen) dann aber dennoch. Roberto ist indígena und spricht Náhuatl, die Sprache der Azteken. Sehr erfreut über mein sehr rudimentäres Basiswissen in Náhuatl, unterhielten wir uns eine Weile über die Mexikanische Kultur und tauschten schlussendlich Nummern aus, damit er mir per Whats App etwas Náhuatl beibringen kann. Unglaublich herzlich! Generell ist mir in Morelia aber auch in meiner nächsten Station Pátzcuaro aufgefallen, dass die Menschen hier überaus freundlich sind. Der Kellner, der die Rechnung bringt, fragt, woher man kommt. Der Junge aus dem Fussballtrikot laden befreundet einen sofort auf Instagram, um sich melden zu können, wenn das Spezialtrikot dann doch noch auftaucht. Und der Inhaber eines Restaurants erzählt einem die halbe Geschichte der Region und der Köchin des Hauses, die bereits in Neapel kochen durfte. Letzteres war eine Begegnung, die ich im knapp eineinhalb Stunden von Morelia entfernten Pátzcuaro erlebte.
Auch wenn die Busfahrt dahin eher abenteuerlich war und mir der Bus generell eher sehr klapprig und wohl in verschiedenen Bereichen nicht mehr ganz Suva gerecht vorkam, so erreichten wir das kleine Dörfchen doch pünktlich und ohne grossen Zwischenfälle. Pátzcuaro ist sehr klein und erlangte Berühmtheit durch den Film Coco. Mein absoluter Lieblingsfilm und der Stolz jedes Mexikaners (wer ihn noch nicht gesehen hat: unbedingt schauen!). Und das Dörfchen hat es in sich. Wirklich viel kann man da tatsächlich nicht machen und ich musste mal wieder merken, wie schlecht ich darin bin, nichts zu machen. Nach mehreren Umrundungen des Zentrums setzte ich mich dann in ein Kaffee, las etwas in meinem Buch und arbeitete etwas. Am nächsten Tag dann die besagte Unterhaltung mit dem Mann, der mir die halbe Geschichte der Region erzählte. Er selbst stammt von der Küste, siedelte aber nach Pátzcuaro um, weil immer mehr Ausländer in sein Dorf kamen und dieses so veränderte, dass es keine Kultur mehr besass. Nun in Pátzcuaro arbeitet er in einem Restaurant, welches alle seine Nahrungsmittel selbst herstellt und dessen Köchin - so sagte er mir - berühmt ist. Sie hat immerhin tatsächlich einen Instagram- und Youtubekanal. Und das Essen war absolute Spitze. Am ersten Morgen gönnte ich mir 'Uchepos'. Das sind eine Art Tamales (Teig aus Mais, eingepackt in Maisblätter und so gekocht), wobei mir der Teig der Uchepos besser geschmeckt hat, da der Teig nicht völlig weich und püreeartig war, sondern noch kleine Maisstückchen drin hatte. Dadurch waren die Tamales geschmackhafter. Die Uchepos waren in einer Sauce aus Jocoque (eine Art leichter Rahm) getaucht und mit einem Käse (der auf dem Bild aussieht wie Tofu) geschmückt war. Ech lecker. Und so lecker, dass ich mich an meinem zweiten Morgen nochmals in dieses Restaurant begab, um dem wohl beliebtesten Frühstück der Mexikaner nochmals eine Chance zu geben; den Chilaquiles. Chilaquiles habe ich während meinen Reisen in Mexiko schon mehrmals probiert, wurde jedoch immer enttäuscht. Zu fad fand ich die frittierten Tortillastücke, die in Sauce eingelegt wurden. Nicht aber in diesem Restaurant; hier schmeckten die Chilaquiles tatsächlich sehr lecker.
Mein Tag in Pátzcuaro war sehr gemütlich und war geprägt von einem langen Gespräch mit dem bereits erwähnten Mann beim Frühstück, und einem langen Gespräch mit dem Mann am Fussballtrikotstand in der dreistöckigen Markthalle. Der Besuch der Markthalle war nicht nur für mich speziell, sondern schien gleichzeitig das Highlight aller Pátzcuaroaner zu sein. Denn ich war weit und breit die einzige Touristin und viel sehr offensichtlich als diejenige auf, die nicht dahingehörte. Dementsprechend verfolgten mich die Blicke von essenden Mexikanern, die, den Taco noch im Mund, ihren Kopf nach drehten und auch die Kleinkinder kamen aus dem Starren fast nicht mehr raus. Auch wenn ich dieses Verhalten zu Beginn amüsant fand, so fühlte ich mich damit dennoch ein bisschen unwohl. Der Spaziergang durch die Markthalle hielt ich somit eher kurz und ganz entspannt die Produkte anschauen konnte ich auch nicht.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass ich enorm froh bin, dass ich die Reise nach Morelia und Pátzcuaro auf mich genommen und mir einen kleinen Teil von Michoacán angeschaut habe. Sowohl Morelia als auch Pátzcuaro haben mir extrem gut gefallen und das Beobachten des Treibens auf den Strassen beider Orte hat mir nicht selten das ein oder andere Schmunzeln ins Gesicht gezaubert. Zum Beispiel beim Spaziergang am Morgen früh in Morelia, als sich die Mexikaner eng um den einen Essensstand tummeln, der bereits Tamales verkauft. Oder die Musikboxen, die ich zuerst für Sprinkler gehalten habe, die sowohl auf dem Hauptplatz in Pátzcuaro als auch in Morelia aufgestellt waren, und den ganzen Park mit Musik bespielten. Einmal mehr war es spannend, das Leben zu beobachten, dass sich oberflächlich betrachtet nicht sehr von demjenigen in der Schweiz unterscheidet, beim Blick auf das Detail jedoch sehr klare Unterschiede aufweist. Ich für mich habe gemerkt, dass mein Schritttempo für Morelia und Pátzcuaro einige Tempostufen zu hoch ist und ich den Einheimischen ständig von hinten auflauerte, bevor ich sie überholen konnte. Ich fall also nicht nur auf, weil ich für eine Mexikanerin aus Michoacán zu gross und zu weiss bin; ich laufe auch zu schnell...



























Du schreibst, wie freundlich und interessiert die Leute in Morelia und Patzcuaro sind. Ich habe die Erinnerung, dass du den Mexikanern generell diese Attribute attestierst. Worin unterscheidet sich die Freundlichkeit in den beiden Städtchen mit jenem im übrigen Mexiko?
AntwortenLöschenAbsolut korrekte Beobachtung. Vielleicht überraschte mich die Freundlichkeit, nachdem ich mit einem mulmigen Gefühl auf die Reise nach Michoacán gegangen bin? Ich hatte irgendwie das Gefühl, das sich die Freundlichkeit anders anfühlte. Sicherlich ticken die Uhren in Morelia und Pátzcuaro etwas langsamer, als zum Beispiel in Mexiko-Stadt, was den Menschen mehr Zeit für solche Gespräche gibt. Verglichen mit Guadalajara hatte ich jedoch z.B. das Gefühl, dass die Menschen nicht nur sehr freundlich, sondern auch sehr interessiert und integrierend unterwegs waren. In Guadalajara waren sie zwar freundlich, jedoch eher etwas distanziert. In Morelia und Pátzcuaro hatte ich mehr das Gefühl, dass sie mich irgendwie in ihren Alltag integrieren und mir etwas mitgeben wollten. Sie wollten mir etwas Mexiko mitgeben und ich hatte das Gefühl, dass das von Herzen kam. Auch hier: Guadalajara ist eine Grossstadt, wo das Individuum eher verschwindet. Vielleicht ist auch das der Grund. Freundlich sind sie aber überall.
LöschenWo übernachtest du jeweils an den verschiedenen Orten? Hotels? B&Bs? Teuer resp. für die Mexikaner teuer?
AntwortenLöschenJe nach Preis buche ich etwas über Booking oder Air BnB. Es gibt Unterkünfte, die bei beiden Anbietern registriert sind, wobei ich mich dann jeweils für das bessere Angebot entscheide. Das Prinzip Hostels (Zimmer und Bad teilen) verfolge ich nicht mehr und heute ist es mir lieber, etwas mehr zu bezahlen und dafür meine Ruhe zu haben - in Hostels weiss man ja nie, mit wem man zusammengewürfelt wird und leider hatte ich hier des Öfteren etwas Pech. Die Preise sind in Mexiko aber erschwinglich und zwischen CHF 20.- und 30.- pro Nacht findet man gut eine überaus angenehme Unterkunft; Hotel oder Air BnB. :-) Hostelpreise wären wohl so um die CHF 10.- bis 15.- pro Nacht, je nach Ort.
LöschenCool, dies Busikbox. Sieht aus wie die Gasflasche bei uns zuhause ;-)
AntwortenLöschenGenau ;-)
Löschen"Musikbox" natürlich ....
AntwortenLöschenLustig: in der ersten Bildergallerie steht an einem gelben Haus: "Sexy thing, we have hot chocolate". Das erinnert mich an den berühmten Song von "Hot Chocolate" mit "You Sexy Thing". Vielleicht hat die Popgruppe ja zum Spruch an der Hauswand motiviert.
AntwortenLöschenDas ist eine gute Überlegung. Ist durchaus möglich, dass die Inspiration von dort kam. In Mexiko kann man die heisse Schokolade übrigens „con agua“ (‘mit Wasser‘) oder „con leche“ (‘mit Milch‘) bestellen. Die Zubereitung ist etwas anders als in der Schweiz und auch die Schokolade mit Wasser ist sehr köstlich. —> Traditionell schäumt man die Schokolade mit einem extra dafür gemachten Holzstäbchen auf: https://youtube.com/shorts/porSsMWR340?si=WlvyqEVr06esYimg
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